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Annette Lory



Annette



*1968 im Berner Oberland, lebt und arbeitet als Sozialarbeiterin und Autorin in Zürich.


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Meer und Berge

(Arbeitstitel)



2016 ausgezeichnet mit einem Werkbeitrag der Stadt Zürich,

erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2019 im Zürcher Kommode Verlag




Die Stimmen sind verstummt, ich bin von Stille umgeben, einzig ein leises Ticken ist zu hören – ein Rhythmus, den ich nicht einordnen kann, der zu langsam ist, um von einer Uhr zu kommen. Träge Sekunden, die nichts Gutes bedeuten, Sekunden, die möglicherweise dem Ende entgegen laufen oder zurück zum Anfang, der Ursuppe, aus der sich die Zellen meines Körpers einst zusammengerottet haben.

 

 

Ich bin gefallen und habe die Flügel ausgebreitet, war sicher, dass der Moment jetzt gekommen wäre. Ein Moment der Unachtsamkeit hatte genügt. Ich stolperte und verlor den Halt, rutschte in einer Mischung aus Gleiten und Fallen den Steilhang hinunter, schlug dabei immer wieder auf, prallte gegen Felsen und mickrige Bäume, die genau wie ich versuchten, sich irgendwo festzukrallen. Tannennadeln und spitze Steine gruben sich in meine Haut, schürften Arme, Beine und Hände auf. Ein jähes Stechen, dann fing auch der Himmel an zu straucheln und um mich herum wurde es dunkel.

 

 

Ich lebe. Ich muss am Leben sein. Ich höre Stimmen, fühle wie jemand an mir herumzerrt, wie sich warme Hände unter meine Schultern schieben, den Oberkörper anheben.

Ich höre tuschelnde Stimmen und Schritte, das Geräusch einer Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wird, das Klirren von Metall, das gegen Metall schlägt, ein Zischen und Summen.

Und dann sehe ich auch Helen wieder, wie sie vor mir hergeht, wie die winzige Puppe, die an ihrem Rucksack baumelt, bei jedem Schritt auf- und niederhüpft. Die Puppe ist ein Glücksbringer, keine dieser Kummerpuppen, die immer häufiger den Weg aus Lateinamerika auf hiesige Märkte finden. Solche Figuren hat Helen auch, sie liegen bei ihr zuhause in einer kleinen Schachtel – eine ganze Familie, ein einziges offenes Ohr, gemachte Psychologen, die sie bei Bedarf hervorholen kann, die jederzeit bereit sind, sich all ihre Sorgen anzuhören, ohne zu unterbrechen oder jemals die Geduld zu verlieren.

 

 

Helen ging sicheren Schrittes. Sie setzte einen Fuß vor den andern, auf trockene Erde, auf Steine und Geröll. Ich fixierte ihre Schuhe, vermied dabei sorgfältig den Blick in die Abgründe, die sich rechts und links des Weges immer wieder auftaten – oft genau dann, wenn ich sie am wenigsten erwartet hatte.

Die Höhenangst hatte schleichend angefangen. Als Kind hatte ich zuoberst auf Kletterstangen und Bäumen gesessen, manchmal stundenlang. Je älter ich wurde, desto weniger traute ich mich, hinunterzuschauen – in die Tiefe, in dieses Nichts aus lauter Luft, das meine Eingeweide in Aufruhr versetzte.

Auch jetzt, während ich hinter Helen herging, fühlte ich wie sich mein Magen zusammenzog, immer schwerer wurde und weiter abrutschte – bis in Beine und Füße, deren Gewicht ich kaum noch heben konnte. Eingezwängt zwischen Felswand und Abgrund versuchte ich krampfhaft, mit Helen Schritt zu halten, das Zittern meiner Knie und die feuchten Hände zu ignorieren, dabei nach vorne zu schauen, zu Helens orangefarbenen Wanderschuhen und ihren glattrasierten Unterschenkeln, die über dem Schuhrand glänzten.

 

Sobald wir aus dem Bus, mit dem wir das letzte Stück des Weges zurückgelegt hatten, ausgestiegen waren, hatte sich Helen sorgfältig eingecremt – Arme, Beine und das Gesicht –, dann hatte die Tube mir gereicht.

Der Geruch nach ‚Ambre Solaire’, Kindheitserinnerungen, ein Strand an der italienischen Adria: „Ich will nicht eingeschmiert werden!“

„Entweder du hältst jetzt still, oder wir packen auf der Stelle alles zusammen.“

Brennende Augen und ein aufblasbarer Plastikball, der vom Wind davongetragen wird, wenig später auf den Wellen tanzt. Ein immer kleiner werdender Punkt und das Geschrei meines Bruders: „Mein Ball, Monika hat meinen Ball verloren!“

 

*

 

Auf der Zugfahrt beschränkten Helen und ich uns auf gelegentliche tastende Fragen und knappe Antworten. Dass wir während gemeinsamer Fahrten nicht viel redeten, war nicht neu – auch früher hatten wir häufig geschwiegen, doch während ich mich damals über die Selbstverständlichkeit, mit der sich Helen meist sofort hinter einem Buchdeckel verschanzte, immer wieder mal genervt und ihr vorgeworfen hatte, egoistisch zu sein, wünschte ich mir jetzt nichts sehnlicher, als dass sie zu lesen anfinge und das regelmäßige Umblättern der Seiten unser Schweigen dämpfte. Doch für einmal schien es Helen vorzuziehen, zum Fenster hinaus zu schauen, auf die vorbeiziehende Landschaft, die grünen Wiesen, die grasenden Kühe und die Bäume, die hie und da schon erste gelbe Blätter hatten – vielleicht Vorboten des nahenden Herbsts, vielleicht auch nur eine Spätfolge der Hitze oder eine Krankheit, ein Pilzbefall.

Wir schwiegen hartnäckig, spielten auf Zeit, hofften, dass sie etwas ins Rollen brächte, lauschten dabei den Stimmen der Mitreisenden, dem Quengeln eines Kindes, das Durst und Hunger hatte, zum x-ten Mal fragte, wie lange die Fahrt noch dauere. Liebend gerne hätte ich ein Fenster aufgemacht, mich hinausgelehnt und den Fahrtwind im Gesicht gespürt. Doch der Zug war klimatisiert, hatte Fenster, die sich nicht öffnen ließen.

Früher hatten wir immer als erstes die Fenster aufgemacht, hatten zu zweit an den metallenen Griffen gezogen – eine links, die andere rechts. Manchmal hatte es das ganze Gewicht unserer Körper gebraucht, um die Scheiben nach unten zu bewegen. Sobald wir es geschafft hatten, steckten wir immer sofort die Köpfe in den Fahrtwind, bildeten Ketten, reichten einander die Hände – außen rum, von einem Fenster zum nächsten. Meist griff irgendwann ein Erwachsener ein: „Schluss damit! Seid ihr eigentlich von allen guten Geistern verlassen?! Haben euch eure Eltern nicht gesagt, dass das gefährlich ist?“

Natürlich hatten sie. Und wir ahnten auch die Gefahr, fühlten das Prickeln, wenn der Lokomotivführer die Fahrt unversehens beschleunigte und die Landschaft immer schneller an uns vorbeizog. Das Rattern der Räder dröhnte in unseren Ohren, wir glaubten, jeden Moment abzuheben: „Fasten your seatbelts, please!“

Noch während wir hofften, unsere ausgebleichten Tücher für einmal an einem Strand ausbreiten und aufs offene Meer hinausblicken zu können, hörten wir das Quietschen der Räder, die über die Gleise schliffen und statt Salzgeruch stieg uns der Geruch abgeriebener Bremsklötze in die Nase. Wieder waren wir am selben Bahnhof gelandet, eine Stimme informierte über die nächsten Anschlüsse, und wenig später reihten wir uns auch schon in die Warteschlange vor dem Schwimmbad ein, kramten das Kleingeld hervor, das uns die Eltern für den Eintritt ins Schwimmbad und ein Eis zugesteckt hatten. Abwechslungsweise wählten wir Apollo oder Winnetou, und immer knabberten wir als erstes den Schokoladeüberzug weg. Spätestens wenn sich unsere Zungen und Lippen verfärbt hatten und die Hände klebrig geworden waren, tauchten wir ins Wasser – Kopf voran, vom Ein-, Drei- und Fünfmeterbrett, mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem. Beim Eintauchen rutschten unsere Badehosen manchmal bis weit unter die Knie hinab.

 

*

 

Im Intercity flackerten die Lichter auf, gleich darauf tauchten wir in einen Tunnel – ein dunkles Loch, das vor langer Zeit unter extremen Bedingungen gegraben worden war und zahlreiche Menschenleben gefordert hatte. Unheimlich sei das, sagte Helen, dieses Wissen und erst die Vorstellung, dass sich über dem eigenen Kopf tonnenweise Gestein auftürme.

Ich nickte, hatte aber weder Lust, mir die Steinmaßen näher vorzustellen, noch weiter darüber zu reden. Stattdessen lauschte ich dem stotternden Rhythmus der Räder, schaute dabei auf unser Spiegelbild, das sich wie eine zerbrechliche Wand zwischen uns und die Außenwelt geschoben hatte.

Die Dunkelheit schien kein Ende zu nehmen, als die Berglandschaft endlich wieder auftauchte, atmete ich erleichtert auf.

Wenig später stiegen wir aus. Helen deutete auf einen der Busse, die neben den Gleisen auf Passagiere warteten, „den nehmen wir“, sagte sie und fragte, ob ich eigentlich wüsste, wohin wir fahren würden.

Ich nannte den Ort, dessen Name auf unseren Tickets stand. „Ja, schon“, sagte sie, „aber weißt du auch, wo wir wandern gehen?“

„Keine Ahnung ...“

„Du erinnerst dich nicht?“

Helens Staunen schien echt, doch so sehr ich mich bemühte, ich konnte mich an keine Wanderung, die wir in dieser Gegend gemacht hätten, erinnern. Vergeblich hoffte ich auf einen weiteren Hinweis, ein Stichwort, das mir auf die Sprünge geholfen hätte, Helen ließ mich zappeln. „Wirst schon sehen“, grinste sie und kiff mich in die Arm – seit langem die erste vertrauliche Geste. Erleichtert lachte ich auf, spürte, wie mich sofort etwas entspannte. Zwar fielen wir erneut in Schweigen, doch die Stille schien nun leichter, als wäre sie auseinandergezupft worden, würde nun in einer helleren Tonart schwingen.