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Lea Gottheil

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© Nomi Gottheil 

 

*1975

Lea Gottheil, 1975 geboren.  Lebt mit ihrem Mann & ihren zwei Söhnen in Zürich. Schriftstellerin & Buchhändlerin

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Wenn der Faden reisst

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Wenn der Faden reisst

 

Jetzt haben sie Puppen da aufgehängt. Sie baumeln kopflos und tragen Tücher aus windigen Stoffen. Sie hängen im weissen Raum und also könnte man an ein Nichts denken. Ein flaumiges, schwebendes Nichts. An Unschuld.

 

Früher habe ich da Kunden Bücher versprochen, die man gar nicht liefern konnte. Als ich da gelernt habe.

Den Buchladen am Morgen zu betreten ist immer aufregend. Als ob man ins Meer steigt. Das Papier saugt viel Luft ein. Es bleibt nicht viel übrig und die übrig bleibt, riecht wundervoll hölzern. Man möchte sich in den Korbsessel da setzen und sich eine Jane Austen nehmen. Aber alleine, alleine möchte man das. Man kommt von der Hochglanzstrasse mit ihrem Tütütü und Pipapo in den Büchergarten und erhält den ersten Befehl: Kaffee. Sitzung. Ich geh in den Pausenraum, der immer nach Kaffee und Kuchen riecht, schiebe Porzellan unter die Maschine und bin froh, dass sie erst einmal rattert .Während des Ratterns überlege ich mir, welchen Grad meine Müdigkeit heute Morgen hat und ob ich mir so ein Buch zum Trost kaufen soll, weil noch ziemlich viel Woche übrig ist. Dann hat sie ausgerattert und schiesst braune Sosse in die Tasse. Eine für Herrn Krobat, Chef. Hat die Buchhandlung seiner Frau unter den Christbaum gelegt. Eine Buchhandlung! Danke Dir sehr, das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen, Frau Krobat freut sich offensichtlich, sie liest gern, und gibt ihrem Gatten Küsse. Ein Kaffee für Frau Rosenhut, sie ist von Herrn Krobat als Geschäftsführerin eingesetzt worden. Frau Krobat ist heute unpässlich. Dann Kaffee für die Lehrlingsbetreuerin Flurina, Mitarbeiterin Mascha trinkt Pfefferminztee. Lehrling Vladi und ich, wir trinken auch Kaffee, macht erwachsener.

Frau Krobat ist heute unpässlich, sagt Vladi mit grossem Bedauern und hoher Stimme und wir kichern.

Die Maus! Die Maus! Schreit Frau Krobat, wenn sie im Laden sitzt. Dann zeigen wir ihr, wie man die Maus bewegt, um auf dem Bildschirm etwas anzuklicken. Würdensiebittesogutseinundschauenobdiebücherausenglandschoneingetroffensind, sofortbitteundmeldensieesmirumgehend.

Kaffee ist verteilt, Zucker ist vergessen, Zucker ist vergessen! Die Lernenden haben Löffel hin gelegt und den Zucker vergessen, wir brauchen Zucker für diese wichtige wichtige Sitzung. Den rühren sie alle in die Tasse, aber Lehrlingsbetreuerin Flurina trinkt ihn bitter, dabei täte ihr Süsse gut, weil sie doch das Computerprogramm nicht leiden kann und sie kann es nicht leiden, wenn der Drucker neue Patronen braucht und sie kann es nicht leiden, wenn Kunden auf Buchdeckeln ihre Quittungen unterschreiben, sie hasst, sie hasst und sie liebt, sie liebt Katzen, sie liebt ihren lockigen Freund und sie liebt Kuchen, isst ihn aber nicht.

 

Und heute hängen da Puppen. Unschuldig. Kopflos. Angekleidet mit nur einem Hauch. Im nackten Raum.

 

V. bringt mir frische Bücher. Er arbeitet heute im Ladenlokal, tippt Mitteilungen auf der Schreibmaschine: zadung, zadung, zadung, za….dung!

                             Kling,

                             zadungzadungzadungzadung,

                             Kling!

                             Zadung. Zadung.

 

Frische Bücher: Eingeschweisst, Bloss, Glatt wie Apfelhaut, porös wie Toilettenpapier, Zeichnungen, Fotos, kleine Texte, lange, lange Geschichten, haben die sich wirklich zugetragen, das fragt man nicht, nie einen Autor fragen, ich sehe jetzt öfter die Autoren, weil wir sie einladen. Sie setzen sich in den Korbstuhl, in den ich mich nie setzen darf und einmal setzen will, wenn niemand schaut. Aber immer ist jemand da, Frau Krobat, wenn Frau Krobat sähe, wie ich mich in den Korbstuhl setze, ruft sie ihren Mann an und sagt, diese Lehrtochter war nicht unter dem Christbaum, wirf sie aus diesem Korbstuhl, stell sie hinter die Theke und bringe ihr bei wie man lächelt und Bücher in Geschenkpapier rollt. Die Autoren setzen sich also in den Korbstuhl, schlagen die Beine übereinander und blättern in ihrem eigenen Buch. Was habe ich damals geschrieben, ah, diese Stelle, die ich damals geschrieben habe, wie sie mir gefällt, ihnen gefällt sie auch, ich lese daraus vor und dann fragen sie mich, aber fragen sie mich nicht, ob sich alles so zugetragen hat, das ist verboten, ja, natürlich hab ich eine Schwester und geschieden bin ich auch, aber das tut nichts zur Sache, diese Geschichte ist ihre Geschichte, vorausgesetzt sie hören zu oder aber kaufen mein Buch, in welches ich meinen Namen setze und vielleicht ein herzlich, das können sie dann jemandem zeigen, wie ich da persönlich etwas geschrieben habe, ich mache das nicht ungern und fotografieren kann mich die Lehrtochter da, die während der Lesung stehen muss, denn alle Plätze sind besetzt, etwas blass die Lehrtochter und wie sie mich angafft.

Nie zuvor habe ich Autoren gesehen. Ich habe mich gewundert, als ich gehört habe, einer käme in die Buchhandlung. Dann gibt es sie also doch.

Bücher. Frische Bücher. Ein Gedichtbuch. Lege ich in meine Hand. Eine Tafel Schokolade fühlt sich so an. Ein Gedicht. Nur eines lesen, dann arbeite ich weiter. Frau Krobat ist unpässlich. Die anderen rollen Bücher in Geschenkpapier und lächeln. Also. Eines. Ich lese eines, das von Motorenöl und Traktoren und Baracken spricht. Ich mag es nicht. Das Gedicht lärmt und stinkt. Ein Gedichtband aufschlagen ist wie Roulette spielen.

 

Puppen haben sie aufgehängt. An starkem Faden, den sieht man nicht. Unschuldig seien sie, steht da auf dem Schild. Sind Puppen doch. Nüchtern, der Raum. Nur die Puppen in ihren Schmetterlingswindfahnen.

 

Lehrlingsbetreuerin Flurina will wissen, ob auch ich wen lieb. Ihr lockiger Freund betritt samstags den Laden. Er betritt den Laden und alle lachen. Sagen: Ach. Du holst deine Braut, holst deine Braut aus den Büchern heraus und führst sie an eine Luft, die von keinem Papier weggesogen wird. Über den Nebel führst du sie. Flurina will wissen, ob auch ich entführt werde. Nein, sag ich immer und denke, aber eines Tages. Da kommt auch so einer und führt mich nach Paris. Flurina hasst nichts mehr, wenn er kommt. Sie singt, wenn er kommt. Singt: Aaaalso! Bis nächste Wohohohohocheeee. Dahanhanke! Und küsst ihn vor unseren Augen. Das ist schön, aber ich getraue mich nicht hinzuschauen. Ich spüre mehr, dass sie sich küssen. Flurina ist schön. Er muss sie immer vermissen, wenn sie bei uns ist und Bücher in Geschenkpapier einwickelt. Er kommt sie um 3 Uhr abholen, wenn wir neue Bücher bestellen. Wir haben bunte Kärtchen, auf denen stehen die Bücher, die man wieder in den Laden liefern kann. Es gibt von einem Buch immer mehrere, meist viele gleiche Bücher. Die drucken die tausendfach! Damit sie viele lesen können, wie Tomaten, die gedeihen zu Milliarden, damit sie alle essen können. Falsch. Nicht alle. Andere können sie nicht essen. Und es gibt Menschen, die können keine Bücher lesen. Dann möchte ich aufhören, bei den Büchern zu sein. Dann ist es nicht mehr schlimm, wenn Frau Krobat schreit: Die Maus, die Maus!

Dann werde ich still und ein bisschen dunkel. Ich schleiche. Und bin sanft. Und lege jedes Kärtchen sorgfältig neben den Computer und bestelle, bestelle und denke, was für ein Glück ich doch hab. Ich bestelle Bücher. Die nach dem Wochenende da sein werden. Eines Tages wird ER mich abholen, der auf mich wartet. Was habe ich für ein Glück.

 

Und da wartet ER. Und die sind alle plötzlich nett zu mir. Vladi will wissen. Im Pausenraum riecht es nach Kuchen und Kaffee. Milch und Zucker giessen wir in den Kaffee. Ich kann nicht erzählen, weil ich ja jetzt zuhause bin und was gibt es denn von zuhause schon zu erzählen?

 

Die Puppen haben keinen Kopf. Die sind unschuldig. Sie tragen laubdünne Stoffe. Man erkennt nicht, ob sie ein Geschlecht haben. Die haben doch kein Geschlecht, wenn die keinen Kopf haben. Die hängen so da. Engel hängen vielleicht so da. Die Puppen fallen, wenn dieser Faden reisst. Die haben sie aber schon so gehängt, dass die nicht fallen. Man sieht nur, dass sie hängen, wenn man ganz genau hin schaut. Auf den Faden, der keine Farbe hat. Schweben, die Puppen, schweben.

 

ER hat gewartet und ist geblieben. ER hat Flurinas lockigen Freund getroffen, weil sie beide am Samstag gewartet haben, bis wir alle Bücher, die auf den bunten Kärtchen gestanden haben, im Weltraum bestellt haben. Sie haben sich gegrüsst, der lockige Freund war verlegen, weil er nun nicht mehr der einzige war, der seine Braut am Wochenende von den Büchern wegholt. ER war auch verlegen, weil er sich das nicht gewohnt war, vor all den Leuten, seine Freundin abzuholen und er weiss, dass die Leute da denken, wer ist das, der unsere Lehrtochter abholt, die sich gestern in den Korbstuhl gesetzt hat und gemeint hat, sie wäre alleine.

 

Schweben, die Puppen. Wissen nichts von den Büchern, die in diesem Raum waren. Geblieben sind sie. Schaukeln nicht einmal. Wenn man die Tür öffnete – schaukelten sie?

 

Dann hat Herrn Krobat gesagt: Nehmt so viele Bücher mit, wie ihr tragen könnt. Meine Frau wünscht sich eine Weltreise, die ich ihr bald unter den Christbaum lege. Buchhandlung und Weltreise geht nicht zusammen. Ich habe Puppen gefunden, die hier wohnen werden.

Dabei waren nicht einmal alle Blätter von den Bäumen gesegelt. Wir haben die Bücher genommen. Die Kaffeemaschine hat Flurina dem lockigen Freund ins Auto gestellt. Es gab jetzt immer Kuchen, den uns Frau Krobat brachte. Damit wir nicht so traurig guckten. Geschäftsführerin Rosenhut hat gesagt, ich habs ja gewusst, ich habs ja gewusst. Sie hat das Porzellan in ihr Haus gebracht. Mascha hat einen Tisch brauchen können, weil sie Giraffen und Katzen malen will, auf dem Tisch. Vladi mochte nichts mitnehmen. Er besitzt nun endlich die Gesamtausgabe Kästner, die er jeden Tag angeseufzt hat. Ich hab einige der bunten Kärtchen mitgenommen. Weil, Frau Krobats Lieblingsautor hat den Korbsessel gekriegt.