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Ulrike Ulrich

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*1968 in Düsseldorf.

Seit 2002 in der Schweiz, schreibt Romane, Kurzprosa, selten Lyrik, mitunter Kolumnen und mit Begeisterung Monologe.

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Wegen der Hingabe

 

Wenn es jetzt regnen würde. Ein Gewitter. Wenn mich jetzt auf mei­nem eigenen Dach der Blitz träfe. Aber es kann ja nur ein Witz sein. Oder eine unbewusste Handlung. So wie ich nie sicher weiss, ob ich die Wohnungstür abgeschlossen habe. Dieser Mann. Wieso hat er mir sei­nen Namen nicht gesagt? Und ich natürlich gleich wieder so offenher­zig. Er wird schon wiederkommen. Er hat gesagt, dass er wiederkommt. Mit Wein.

Es wird kühl. An eine Jacke habe ich auch nicht gedacht. Zum Rufen ist es zu früh. Jetzt schon rufen wäre peinlich.

Vielleicht ist er in den Keller gegangen, den Wein zu holen. Und wenn er gar nicht im Haus wohnt. Vorhin, als er da über mir auf der Treppe stand und die Klappe zuschieben wollte, da habe ich doch als erstes gedacht, dass der nicht hier im Haus wohnt, dass ich ihn noch nie. Was hat der auf unserem Dach gemacht, dachte ich, etwa gleichzeitig mit: Lange nicht einen so schönen Mann. Was ja dann gar nicht gestimmt hat. Nur der erste Eindruck. Vielleicht wie er da stand, die Arme über den Kopf, um die schwere Schiebetür. Und dann den Kopf drehte. Er wollte doch gehen. Wieso ist er nicht gegangen? Ich dachte, ich hätte die hinter mir, dunkle Typen mit dunklen Augen. Locken. Ob er meine Bedürftigkeit gesehen hat. Eine Frau geht mitten in der Nacht allein aufs Dach. Vielleicht hätte ich das mit dem Feuerwerk nicht sagen sol­len. Eine Einladung. Das hat er als Einladung verstehen können. Wieso hab ich überhaupt was gesagt? Und nicht ihn für bedürftig gehalten. Ein Mann allein auf dem Dach. Kurz vor Mitternacht. Ist er übers Dach gekommen? Ein Dieb. Wie John Robie, die Katze. Und dann musste er mich natürlich wegschließen. Ich hatte ihn ja gesehen. Aber so hell ge­kleidet. Und noch Zeit für eine halbe Stunde Smalltalk. Der gar keiner war. Das ist ja das Schlimme. Was ich alles erzählt habe. Natürlich vorher getrunken. Mit Lars und Cora. Die längst zuhause sind. Nie­mand vermisst mich. Und dass ich die Tasche mit dem Handy in der Diele. Hab ich überhaupt abgeschlossen? Räumt der Typ jetzt gerade meine Wohnung aus? Sieht mein Chaos. Findet nichts Wertvolles. Nur die Tasche mit dem Handy und dem Geld. Die Ringe im Bad. Geht vielleicht wieder, aus Mitleid. Oder nimmt den Computer mit. All das Chaos. Die Mahnungen auf dem Fussboden, der klebrige Teller vor dem Fernseher. Überall schmutzige Wäsche. Der angebrannte Reis in der Küche. Was für ein Mensch, der nicht einmal Reis kochen kann, wird er denken.

Aber jetzt ist es schon langsam seltsam, dass er nicht wiederkommt. Oder hat er gedacht, ich würde ihm folgen. Und nicht gemerkt, dass er die Tür zugeschoben, den Eisenhaken eingerastet. Unmöglich. Diese Tür zuschieben, den Haken einrasten, das ist ja keine Handlung wie Schlüsselumdrehen. Das ist ja eine Anstrengung. Ein Kraftakt. Und wieso hab ich nicht sofort gerufen? Weil ich seinen Namen nicht weiss? Weil gerade wieder eine Rakete in der Luft. Eben nicht explodiert. Sich zerlegt hat. Eine goldene Diadembombe. Weil ich dachte, der schöne Mann und ich auf dem Dach. Aber so schön eben doch nicht. Das Kinn zu eckig. Und dass er den Haken eingerastet hat, das habe ich ja nicht gehört. Überhaupt nichts gehört wegen dem Feuerwerk.

Und jetzt so still. Niemand sonst auf den benachbarten Dächern. Keine Grillparty, kein Paar, das die Sterne. Wieso rundum kein Mensch? Auch in unserem Dachgeschoss alles dunkel, das ganze Haus dunkel, als ich zurück kam. Ferien, habe ich noch gedacht. Und dann dieser Mann mit seinem Lächeln. Und diesen Fragen. So vielen Fragen.

Vielleicht hat er einen Anruf bekommen. Oder es sich einfach anders überlegt. Wenn ich jetzt rufen würde, mich doch entschiede zu rufen, dann hört mich vielleicht niemand. Sogar Sex. Ich habe ja sogar Sex für möglich gehalten, auf diesem Dach. Mit diesem Mann. Ich habe mir das vorstellen können. Es ist nämlich nicht wahr, dass man es sich ab­gewöhnen kann. Wie Schokolade essen. Ich habe mal sieben Monate keine Schokolade gegessen. Und dann auch gar keine Lust mehr. Aber im Sommer. Und ich hab schon immer diesen Tick mit den Sternen. Sex unter Sternen. Als ob der Sex davon besser würde, mit Sternen. So viele sieht man ohnehin nicht. Über der Stadt. Ich hatte eigentlich nie guten Sex mit jemandem, den ich nicht kannte. Aufregenden Sex: Ja. Aber gut? Ohnehin schwer zu vergleichen. Gut wie: guter Film, gutes Wetter.

Im Grunde kann ich es gar nicht mehr sagen. Oft ja betrunken. Eigent­lich immer getrunken. Sonst wäre es gar nicht gegangen. Wäre ich nicht gegangen. Mit Fremden. Und auch jetzt. Aber der Spiegel sinkt. Jetzt wäre der Mann, wenn er zurück käme, Nachschub brächte, jetzt wäre er schon zu spät. Jetzt würde ich ihn anschauen und denken: Eckiges Kinn, seltsame Fragen. Spinner. Vielleicht würde ich Spinner denken, aber das war ja noch nie ein Hindernis. Zum Küssen. Fürs Küssen ist der Spiegel noch hoch genug.

Auch schon so lange her. Unter Sternen. Ein Fünf-Sterne-Kuss. Aber nicht mal etwas zu trinken. Wobei. Es gibt ja den Wasserhahn hier oben. Ich werde weder verdursten noch erfrieren. Richtig kalt wird es in diesen Nächten nicht. Und morgen könnte ich rufen. Würde den Mann nicht erwähnen. Nicht von dem Sex reden, den ich nicht hatte. Wieso hat er mich das gefragt? Das war doch ganz klar, in welche Richtung. Und dann die Frau auf dem Dach festhalten. Vielleicht ist das so ein Haremsgefühl? Vielleicht hat der Mann jetzt ein Haremsgefühl, weil er eine Frau auf dem Dach festhält. Aber ich. Ich kann keine solche Ab­weisung mehr. So eine zugeschobene Eisentür. Dass nicht mehr Frauen Amok laufen. Dass nur so wenige Frauen Amok laufen. So eine zuge­schobene Tür. Und vorher schon. Diese Berührungen. Wieso denn? Wieso denn das zugelassen. Ich werde sicher nicht schreien. Ich werde einfach hier bleiben und frieren. Obwohl. Dann ja doch immer noch auf Abruf. Für den Mann mit dem Wein. Dann ja noch immer die Frau, die auf dem Dach wartet. Wieso nicht ich. Wein holen. Ich hab ja nur zwei Stockwerke. Und er vielleicht zur Tankstelle. Weil er gar nicht hier wohnt. Und dann die Haustür zugefallen. Er jetzt davor. Dass ich von hier oben nicht mal die Haustür sehen kann. Und man mich von unten auch nicht sehen kann. Oder nur von weitem. Von weitem schon.

Da drüben im dritten Stock brennt Licht. Denen könnte ich winken. Aber hören können sie mich nicht. Soll ich winken. Und dann. Wie kämen die dann ins Haus? Wenn niemand öffnet. Aber alle können doch nicht in den Ferien sein. Wieso bin nicht ich gegangen und halte mir einen Mann auf dem Dach. Wieso hab nicht ich die Tür zugescho­ben. Ist das ein Machtspiel? Ist das nicht sowieso ein Machtspiel? Ver­fügen und zur Verfügung stehen. Wäre es nicht gut, nicht zur Verfü­gung zu stehen? Überhaupt nicht. Und das hat der ja sicher gemerkt. Diese Hingabebereitschaft. Und deshalb ja immer noch Anrufe. Immer noch hartnäckige Männer, die wegen der Hingabe anrufen. Die das wiederholen wollen. Sich diese Hingabe wieder holen.

Der kann mich doch nicht vergessen haben. Der war ja nicht betrunken. Nur seltsam. Ein bisschen seltsam war er schon. Dunkelbraune Augen. Solche kleinen eckigen Falten um die Augen, Häkchen. Wie Häkchen haben die ausgesehen. Wie der Eisenhaken in klein. Aber daran habe ich nicht gedacht, als er mich berührt hat. Über meine Gänsehaut ge­sprochen. Als er mich gefragt hat, ob ich mir das vorstellen könnte. Mit einem fremden Mann auf dem Dach zu übernachten. Die Sterne zählen. Die Sterne seien ja viel schöner als das Feuerwerk, hat er gesagt. Und jetzt ich allein. Unter vierzehn Sternen. Und der fremde Mann so anwe­send.

Erst vorgestern hat der Mann aus dem Schwimmbad wieder angerufen. Alle paar Monate ruft er an. Seine Nummer schon lang gelöscht. Aber er. Immer wieder. Warum. Ich weiss keinen anderen Grund als Verfüg­barkeit. Dass er mich für verfügbar hält. Obwohl ich nie dran gehe. Nie auf seine SMS reagiere. Da hatte ich auch getrunken. Zu viel Bowle. Zu viel Sonne. Kann man das überhaupt Hingabe nennen? Das kann man nicht Hingabe nennen. Eher Abgabe. Übergabe. Wie kann man so et­was überhaupt formulieren? Dass man gerne zur Verfügung steht. Bei Fragen stehe ich Ihnen jederzeit gerne. Das kann niemand ernst meinen. Vielleicht könnte man einer Freundin, einem Freund schreiben: jeder­zeit zur Verfügung. In der Not. Aber doch nicht z. B. einem Geschäfts­partner.

Ich stehe einstweilig nicht zur Verfügung. Egal wie absurd diese Situa­tion. Ich wollte ja aufs Dach. Jetzt bin ich eben. Jetzt könnte ich ja die Blumen giessen. In der Nacht. Singen. Bis jemand die Polizei holt. Blumentöpfe vom Dach werfen. In die Fensterscheiben der ferienleeren Häuser. Könnte unter Sternen mich selbst befriedigen. Mit Hingabe. Hingebungsvoll. Bis jemand die Polizei holt. Kann man sich denn sich selbst hingeben? Und wieso nicht mit Alkohol? Wieso denn eigentlich nicht. Wieso nicht sich mit Alkohol sich selbst hingeben. Wieso nicht mal mit sich selbst leichtes Spiel haben?

Wenn es jetzt Wein regnen würde. Wenn der Mann wieder übers Dach käme. Von einem anderen Dach. Ich könnte doch selbst auf das Nach­bardach klettern. Aber das würde nichts nützen. Die haben auch eine Eisenschiebetür mit Haken. Kann man das lernen? Alkoholfreie Hin­gabe. Ist denn alles mit Aufwand. Geht denn nichts von selbst. Nicht mal die Hingabe, das Loslassen. Wenn ich das schon höre. Töpfe wer­fen. Wenn jemand Loslassen sagt, möchte ich Töpfe werfen. Und der Mann vorhin auch. Wieso ich mich nicht entspanne. Fragt mich das. Immer dieser Vorwurf. Darin liegt doch immer dieser Vorwurf. Wer nein sagt, ist nicht locker. Nicht entspannt. Wer nicht mitmacht. Aber selber die Eisentür zuschieben. Immer diese Macht. Immer diese Handlungsfreiheit. Immer noch die Schlüssel nicht aus der Hand geben wollen. Und ich sitze auf dem Dach wie so eine beschissene wegge­sperrte Prinzessin, die vielleicht mal was Falsches gesagt hat, sich bei Vollmond die Haare gekämmt oder ein gutes Verhältnis zu den Raben. Ab in den Turm. Und dann auf den nächsten Schlossherrn warten. Vielleicht der aus dem dritten Stock gegenüber. Dass der mich viel­leicht retten würde. Aber ich hab das Warten satt. Ich will mich nicht retten lassen und entspannen will ich mich auch nicht.

Wieso ich mich nicht entspanne. Wieso ich denn so zittere. Ob mir kalt. Ob ich nervös. Und behauptet, er hätte mich schon mal gesehen. Ge­hofft, mich zu treffen. Klar. Das kann man nicht ernst nehmen. Da muss man ja ungläubig lachen. Und in die Kometen gucken. Die künst­lichen.

Und trotzdem. Irgendwo immer durchlässig. Schulter oder Ferse. Ir­gendwo ist immer ein schutzloser Punkt. Und klar, dass so einer den findet. So ein dunkeläugiger mit Locken. Wenn ich hier runterspränge. Das wäre dann mal ein Akt. Wo sind denn die Turmspringerinnen, die ihre Gefängnisse fliehen, bevor der Prinz naht. Wieso hat Rapunzel ihren Zopf nicht oben festgeknüpft und sich selbst abgeseilt. Ich könnte dazu die Wäscheleine nehmen. Es muss nämlich nicht mit dem Tod. Da muss doch mehr Freiheit möglich sein. Ich kann mir eine neue Telefon­nummer zulegen. Ich kann sie für mich behalten. Das Sonnensegel reisse ich runter. Und wickle mich darin ein. Gebe mich unter vierzehn Sternen mir selbst hin. Und wenn der sich dann doch noch hier rauf­traut, auf mein Hochplateau, wenn der dann doch noch den Fels er­klimmt, dann werfe ich Terracotta.


Wegen der Hingabe im Literaturradio.at

Aufnahme: TITTANIC beim Zürcher Theater Spektakel 2008
Stimme: Ulrike Ulrich

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ch lad dich von herzen ein!e.gtag...fasthn.nild mitgeschickt haben...n.n. kösorgen wälzend..._______________________________