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Corina Freudiger

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Corina Freudiger (*1978) ist Journalistin, Moderatorin, Autorin und die andere Hälfte des Bühnenduos Irgendwo in Texas.


Irgendwo in Texas sind Corina Freudiger und Miriam Erni. Gemeinsam schreiben sie Bühnenstücke, die sie (meistens) auch selber aufführen.


Literarische Texte

Hasenrain 21

Sirup


Journalistische Texte

Irene

Moby Dick


Moderationen von

Lesungen und anderen Shows



Corina Freudiger schrieb Texte für


Kontakt





Irene Staub, Hure und Coiffeuse, war Zürichs Marilyn Monroe

Ein Bildband und eine Ausstellung erinnern an die Frau, die in den 70er-Jahren die Zwinglistadt erregte.


Von Corina Freudiger

Es drehten sich alle nach ihr um, immer. Wer sich vor dreissig Jahren im Zürcher Niederdorf bewegte, erinnert sich an sie. Wie sie an der Schoffelgasse ihre Lippen in die Luft hielt und den Männern den Atem raubte. «Umwerfend», sagen jene, die sie damals gesehen hatten. «Unbeschreiblich», «überirdisch», «unheimlich»; eine «Göttin», eine «Bombe».

Irène, Irena, Lady Shiva. Sie hatte viele Namen, verkörperte viele Träume. Sie war Hure, Muse, Cover Girl, kannte Andy Warhol und David Bowie, wurde fotografiert und gemalt, verehrt und benutzt. Sie war eine, die die Kerze von beiden Seiten anzündete, und sie brannte schnell. 1988 knallte Irene in Thailand mit dem Motorrad frontal gegen einen Lastwagen. Sie wurde 36 Jahre alt. Und hatte in dieser Zeit mehr erlebt, als es in einem Städtchen wie Zürich üblich ist.


«Dann schaffst du halt an»

Irene Staubs Leben begann, als sie nach der Coiffeuselehre Liechtenstein den Rücken kehrte. Voller Abscheu gegen die Langeweile, die Vorurteile und die Enge der Provinz fand sie in Zürich Arbeit in einem Herrenfriseursalon. «Nach Feierabend machte ich damals schon ein paar Freierchen, verdiente mir einen Zuschuss», sagt sie. Ihre Stimme kommt aus einem Lautsprecher in der kleinen Ausstellung, die zurzeit in der Galerie Message Salon Downtown in Zürich an sie erinnert.

Eine Besucherin vergleicht Irenes Geschichte mit jener Marilyn Monroes, «nur wurde Irene nicht von einem Produzenten, sondern von einem Zuhälter entdeckt». Der Zuhälter hiess Charly und war sofort zur Stelle, als seine Coiffeuse eine Anzeige wegen Prostitution am Hals hatte. Zusammen hauten sie ab, nach Frankfurt. Irene als Hure, Charly als ihr Kuppler. «Du bist jung, liebst den Kerl. Dann schaffst du halt an.» Den Freiern soll Irene gesagt haben: «Ficken kannst du zu Hause. Wir reden. Trinken was zusammen. Du bezahlst nur meine Zeit.»


Standort im Niederdorf

Der Kerl, den sie liebte, liess es sich inzwischen gut gehen: Charly hatte eine Affäre nach der anderen, machte krumme Geschäfte und Irene bald ein Kind. Ohne Freund, aber mit einem Söhnchen und dem Wunsch nach Unabhängigkeit kehrte sie schliesslich nach Zürich zurück. Mit 20 Jahren begann Irene ihre Karriere als selbstständige Prostituierte. Als Standort wählte sie eine Gegend, in der nicht nur Freier verkehrten, sondern auch eine kleine, aber vielversprechende Künstlerszene zu Hause war: das Niederdorf.


Im Dunstkreis des Maxim

Kneipen, die nach Mitternacht noch auf hatten, konnte man im biederen Zürich der 70er-Jahre an einer Hand abzählen. Die meisten waren im Umkreis des Nachtklubs Maxim, und vor dem Maxim stand – in Wirkung, Aufmachung und Erfolgsquote nicht zu übertreffen – Irene. Wenn sie überhaupt dort stand, denn die Geschäfte liefen gut. Die hochgewachsene Blondine hatte Eingang gefunden in die Sphäre der Züricher Haute volée, war bald begehrte Begleiterin in exklusiven Kreisen. Sie verdiente viel Geld, hatte bald einen Chauffeur und einen vollen Terminplan.

Die Mischung aus Anrüchigkeit und Glamour, aus Eleganz und Milieu faszinierte zu der Zeit auch eine ganz andere Szene, und Irene wurde ein drittes Mal entdeckt: H. R. Giger und Walter Pfeiffer porträtierten sie, Daniel Schmid drehte Kurzfilme mit ihr. Mit dem Maler Luciano Castelli war sie liiert, ebenso mit der Designerin Ursula Rodel, die sie zu aufsehenerregenden Kollektionen inspirierte. Die deutsche Fotografin Roswita Hecke begleitete Irene 1978 mit der Kamera, der Bildband «Liebes Leben» wurde ein Welterfolg.

Irene avancierte zum Star der Zürcher Bohème, zur Queen of the Night. Man schmückte sich mit ihr, und sie wusste sich zu inszenieren. Ihr Ruf reichte bald über die Schweiz hinaus: Wolf Wondraschek, Sigmar Polke, David Bowie und Andy Warhol wurden auf sie aufmerksam, Federico Fellini war begeistert. Er engagierte Irene trotzdem nicht. «Eine, die so fest glüht, wird nicht alt», habe er gesagt, als er sie kennenlernte. Er sollte recht behalten. Je höher hinauf sie kam, desto tiefere Abgründe taten sich auf; die Kehrseite des Erfolgs knallte Irene mit voller Wucht ins Gesicht.

Alkohol, Kokain, Heroin – in Irenes vielen Wirkungskreisen war alles zu haben, und sie griff immer öfter zu. Versuchte so, ihre Schüchternheit zu überwinden, dem Erwartungsdruck standzuhalten. Sie fand es merkwürdig, so bekannt zu sein. Litt unter Schlaflosigkeit und Zukunftsängsten. Irene war nicht dumm − sie wusste, auch ihre Schönheit war vergänglich. Sie hatte Pläne, sprach von einem Geschäft mit Luxus-Lingerie und sehnte sich am meisten nach einem Haus auf dem Land, nach «einer zweiten Ladung Kinder. Damit wär ich glücklich». Und vorher: heiraten. Heiraten war Irenes grösster Traum; «da kann eine Frau das Beste aus sich herausholen».


Der Traum von einer Familie

Erfolgreich schaffte sie mehrere Entzüge, doch kaum war sie wieder in Zürich, bot ihr jemand Stoff an. Sie gab ihr ganzes Geld aus. Musste wieder anschaffen und tat sich plötzlich schwer damit, «besonders am Sonntag, wenn die Leute vorbeispazieren mit den Kindern». Zudem gaben mittlerweile viele Prostituierte kostenlos die Gesellschaftsdame. «Sex, Sex, Sex, es geht immer nur um Sex.» Für einen Hunderter musste sie mit den Männern mit. Das war das Schlimmste.

Die Überirdische rutschte immer tiefer. Gute Freunde gaben sie auf. Schlechte versorgten sie mit Drogen. In ihren letzten Ferien mietete sich Irene ein Motorrad. Vielleicht hat sie sich frei gefühlt auf dieser Strasse. Hat Gas gegeben, den Wind gespürt. Genau sagen kann das niemand. Irene Staub war allein unterwegs, als der Lastwagen ihr entgegenkam.


Tages-Anzeiger; 01.04.2011; Seite 33ges